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25.Oktober 2014 Marathon Venedig

Gerit berichtet aus Venedig:

 

Mein 8. Marathon oder der Sieg der Vernunft.


Am Morgen des 24.10. kamen wir mit dem Zug in Venedig Santa Lucia dessen Bahnhof direkt am Canale Grande liegt bei strahlendem Sonnenschein und wolkenlosen Himmel an. Wir das sind Katja, Susi, Michi und ich.

Zielstrebig zum Vaporetto (Wasserbus) Ticketschalter bekamen wir gleich einmal die italienische Mentalität zu spüren: Kein Vaporetto-Verkehr weil die Bootsfahrer streikten. Nun gut, unsere Pension lag nahe der Rialtobrücke, also war ein halbstündiger Fußmarsch mit Gepäck quer durch San Polo angesagt. Gepäck verstaut, wieder retour zum Busbahnhof (selbe Strecke) um an die Startnummern für den Marathon im San Guilliano Park in Mestre zu kommen. Am Busticketschalter erfuhr ich, dass auch die Busfahrer streikten, aber am Nachmittag würden für 3 Stunden die Busse fahren. Na also, ganz Venedig befindet sich im Streik. Über eine andere Fußstrecke retour zur Pension – Sightseeing pur – intensiver kann man Venedig nicht erleben. Nach kurzer Rast machten sich Susi und ich wieder auf zum Busbahnhof, inzwischen brauchte ich die Gassenkarte von Venedig gar nicht mehr. Endlich beim San Guilliano Park angelangt, einen weiteren Kilometer zu Fuß bis zur Marathon Expo. Gut organisiert, freundliche Helfer, viel Information zu anderen Marathons und als Goodie ein langärmliges Laufshirt hatten wir kurze Zeit später alle unsere Sachen beisammen. Retour mit dem Autobus, wieder zu Fuß zu unserer Pension, wo schon Katja und Michi mit hungrigen Mägen warteten. Inzwischen dürften Susi und ich schon an die 10 km gelaufen sein. Da wir schon ziemlich müde waren, nahmen wir das erstbeste Lokal, wo man uns für mittelmäßiges Essen ziemlich abzockte; ein grande birra (1 Liter) für Michi und mich um je 14 Euro (nicht auf der Karte angepriesen), war ja nicht gerade ein Schnäppchen. Dafür haben wir allesamt geschlafen wie die Murmeltiere.
 

Der nächste Morgen, bella Italia begrüßte uns wieder windstill mit wolkenlosem Himmel und die Vaporettos fuhren planmäßig; wir besuchten den nahen Fischmarkt danach die Rialtobrücke und weiters das für Touristen übliche Programm Markusplatz, Markuskirche, etc.. Inzwischen waren die Steinbrücken auf der Marathonstrecke mit Holzrampen versehen worden, die Pontonbrücke über den Canale Grande war ebenfalls schon errichtet und schlussendlich inspizierten wir noch den Zieleinlauf, der schon zur Gänze aufgebaut war. Den Abschluss unseres Sightseeings brachte uns dann noch ins Da Vinci Museum. Fürs Abendessen fanden wir einige kleine Gässchen vom Hauptgeschehen entfernt, direkt an einem Kanal gelegen eine kleine aber feine Pizzeria, wo wir zu vernünftigen Preisen bestens versorgt wurden.


Sonntag, Marathontag; Tagwache für Susi und mich um 4:45, anschließend um 5:38  mit dem Vaporetto welches voll von Marathonis war, zur Plaza del Roma wo wir noch zirka eineinhalb Kilometer bis zum Autobus der uns zum  Marathonstart  brachte gehen mussten. Ein wolkenloser Tag kündigte sich wieder einmal an. Die Frühtemperatur lag bei etwa 8°. Nach halbstündiger Fahrt in Stra (Startort) angekommen wurden sogleich die unzähligen Pipi-Boxen angesteuert. Versorgt wurden wir mit warmen Tee und Wasser. Moderiert wurde in den Sprachen italienisch, englisch und deutsch und das von ein und demselben Moderator. In einem riesigem Zelt konnten wir uns auf Bänken auf den kommenden Lauf vorbereiten. War es draußen doch ziemlich kalt, wurde es drinnen zunehmen wärmer, so dass wir uns ohne große Überwindung vom Überkleid befreien konnten. Die Spannung stieg zunehmend. Das Zelt war inzwischen bis zum Bersten mit internationalen Teilnehmern gefüllt als der Moderator zur Abgabe der Kleidungssäcke aufrief. Als wir das Zelt verließen, war ich froh mich nicht für das ärmellose Laufshirt entschieden zu haben, mir war unglaublich kalt, Susi dagegen war so aufgeregt dass sie die Kälte gar nicht spürte. Nachdem wir die Kleiderbeutel abgegeben hatten begaben wir uns zum Startbereich welcher neben dem Fluss Brenta lag. Inzwischen war etwas Wind aufgekommen, es fröstelte mich nun noch mehr. Einlaufen war beinahe unmöglich, da von hinten die Masse zum Start drängte und der Startzugang in 5 Kategorien geteilt war. Hier trennten sich Susi und ich und jeder ging in seinem zugewiesenen Startbereich, welcher aufgrund der angestrebten Endzeit vorgegeben wurde; wer trotzdem unter der Absperrung durchhuschte wurde spätestens am Eingang zum Startbereich in den seinigen verwiesen.


Links vor uns lag die beeindruckende Villa Pisani, über uns kreuzten in nur geringer Höhe zwei Hubschrauber mit Kameras. Jedesmal wenn diese über uns hinwegflogen rief der inzwischen nur noch italienisch sprechende Moderator zum Begeisterungssturm auf. Kurz vor 9 Uhr erklang die italienische Hymne, welche von den italienischen Marathonis mit stolzer Brust mitgesungen wurde. Neben mir stand ein älterer Italiener mit zerschlissener in die Jahre gekommenen Laufkleidung; dieser Mann lief vielleicht schon Marathon als ich noch dreistellig wog und mir der Laufsport noch gänzlich unbekannt war.


Endlich um 9 Uhr der Start der ersten Gruppe mit den Eliteläufern, die weiteren Gruppen starteten im 5 Minuten Abstand. Ich war um 9:10 dran; langsam setzte sich das Feld in Bewegung; Am Startbogen löste der in der Startnummer montierte Chip aus und ich lief so gut es ging mein angestrebtes Tempo von 5:10 an. Die Brenta begleitete uns auf dem Weg nach Venedig. Der Kurs begann flach auf schönen asphaltierten Straßen. Vorbei an Palmen, Orangenbäumen, unzähligen Villenund Kirchen erreichte ich die ersten 5 Kilometer im Ort Dolo mit  25:38 (5:21). Von nun an gab es alle 5 Kilometer stilles Mineral in Flaschen zu trinken, später dann noch Orangen, Kekse und Gels; beinahe alle 2-3 Kilometer spielte Livemusik abwechselnd von Rock & Roll über Hardrock bis zu Italoschlager. Mir ging es unglaublich gut, inzwischen lief ich den Kilometer in 5:03 was eine 10-Kilometer Zeit von 50:58 bedeutete.  Das italienische Publikum applaudierte zu einem dezent wie zu einer gelungenen Tosca Aufführung, zum anderen gab es Zurufe wie Rai-Rai; Bravi, Brava, Bravissimi und natürlich Forza. Die Sonne schien inzwischen unbarmherzig herab, leichter Gegenwind machte dies jedoch erträglich. Ich merkte das etwas anders war als sonst, etwas das ich bis dato nicht kannte; ich schwitzte kaum. Laufkleidung und Haare waren trocken. Ich trank nur wenig an den Stationen, was sich später rächen sollte. Nun ging es Schlag auf Schlag, meine Kilometerzeiten konnte ich nahe 5:05 halten, so dass ich den Halbmarathon in 1:47:38 durchlief. Die Laufstrecke hatte sich inzwischen von der Flusslandschaft welche bis Km 19 gegeben war in ein Industriegebiet bestehend aus Containerlagerplätzen, Baustellen und eine Raffinerie gewandelt; keinem kam hier in den Sinn, dass er den Venedig Marathon läuft. 4 Kilometer mussten wir durch diese hässliche Landschaft laufen um in die Stadt Mestre zu kommen. Kilometer 25 hatte ich mit 5:12 Schnitt absolviert. In Schlangenlinie ging es über Fußgängerzonen, Wohnsiedlungen, Unterführungen und Geschäftstrassen unter teils tosenden Applaus durch Mestre, bis ich bei Kilometer 30 mit 2:35:23 am San Guilliano Park ankam; mein Kilometerschnitt hatte sich inzwischen auf 5:28 angehoben. Knappe 4 Kilometer ging es durch den Park, von wo aus man erstmals einen Blick auf Venedig Altstadt werfen konnte. Der Park zählt laut Beschreibung zu den größten Europas. Anschließend liefen wir auf die endlos lange Brücke nach Venedig. 4 Kilometer läuft man hier auf der Ponte Liberta schnurgerade auf die venezianische Altstadt zu. Trotzdem ich nun zuletzt mehr getrunken hatte, klebte meine Zunge am Gaumen, was wohl die Meerluft verursachte. Der Durst machte mich fertig und ich bekam Schwindelanfälle. Mir war als würde ich über eine bewegliche Brücke laufen, wohlwissend das diese aus Stein und Beton gebaut. Das hatte ich noch nie zuvor gespürt, die Vernunft sagte mir, nimm Tempo raus. Bei Kilometer 35 auf der Brücke trank ich beinahe eine ganze Flasche leer; das Schwindelgefühl wurde nun ein wenig besser. (War das der mir unbekannte Mann mit dem Hammer?) Beinahe 1 Minute langsamer war ich nun nur noch mit 6:12 am Kilometer unterwegs. Über den alten Hafen ging es nach San Marco wo über Pflastersteine und durch die Flut verursachten Wasserpfützen entlang des Meeres gelaufen wurde; unzählige mit Holz verkleidete Brücken und die Pontonbrücke über den Canale Grande brachten uns auf den Markusplatz. Der Schwindel war vergangen, dafür wurden durch das viele auf und ab die Beine bleischwer. All die Qual wurde durch den Markusplatz entschädigt; während sämtliche Touristen wie üblich im Gedränge verharrten, wurden wir Läufer durch eine breite Schneise über den Markusplatz geleitet. Bombastische Stimmung und der grandiose Ausblick erzeugten Gänsehaut und Glücksgefühl. All diese Qual für diesen schönen Moment war es allemal wert, gefangen in der Schönheit und mit Beifall und Jubelrufen wurde ich auf diesen paar hundert Meter Richtung Ziel getragen. Nach zwei weiteren Brücken konnte ich den 29. Venedig Marathon schlussendlich mit 3:52:38 beenden.


Im Ziel wurde mir die  Medaille umgehängt und der wiederverwendbare Chip von der Startnummer abgenommen – sehr lobenswert. Anschließend wurde einem der Kleiderbeutel übergeben und ich begab mich zu den etwa 500 Meter entfernten Duschen in einer unterirdischen Sporthalle!!! Ja auch in Venedig gibt es Keller. Geduscht und mit schmerzenden Beinen wartete ich auf der Zuschauertribüne auf den Zieleinlauf von Susi, die mit 5:08:48 neue persönliche Bestzeit lief. Eine After Run Zone bzw. eine Partymeile gibt es in Venedig nicht. Das verdiente Bier nahm ich in einem Hafencafe nahe dem Zielbereich zu mir.


Den Tag ließen wir in der kleinen Pizzeria und anschließend mit ein paar Gläschen Valpolicella nahe der Rialtobrücke ausklingen. Ein wunderschönes, sonniges und erfolgreiches Marathonwochenende nahm sein Ende. Den Venedig Marathon können Susi und ich nur weiterempfehlen.


Mein Ziel unter 3:40 zu bleiben hatte ich klar verfehlt, doch ich war froh dass die Vernunft siegte. Leider war das nicht bei allen so; ein besonders schwergewichtiger Läufer verstarb, nach dem er den nebenbei ausgetragenen 10 Kilometer Lauf absolviert hatte an einem Herzinfarkt. Den Marathon-Zieleinlauf seines Sohnes durfte der 72 jährige Schweizer nicht mehr miterleben.

 

Also, bleibts vernünftig

 

Euer, Gerit

Bewerb Marathon

Name Klasse Zeit Rang Kl-Rg. min/km Bemerkung
Gerit Pacholik
M45 3:52:38 1939 504 5:31
Susanne Haberl
W50 5:08:48 4373 98 7:19


                      

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